Der innere Knoten
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Ich sehe die Hände.
Nicht hastig.
Nicht stark zupackend.
Sondern ruhig, aufmerksam, geduldig.
Ein großes Bündel
aus Knoten liegt darin -
schwer, verworren.
So vieles hat sich ineinandergezogen.
So vieles
lässt sich kaum noch auseinanderhalten.

Der junge Mann schaut zu.
Er weiß:
Das hier ist mehr als ein Seil.
Das bin ich.
Meine Angst.
Meine Schuldangst.
Meine Geschichte,
die sich festgezogen hat,
bis nichts mehr ging.

Jesus von Nazareth
sagt nichts über Muskeln und Kraft.
Er sagt nichts über Disziplin
oder Willensanstrengung.
Er sagt nicht 'Reiß dich zusammen'.
Er löst.

Und während ein Knoten nachgibt,
geschieht etwas Unsichtbares:
Die Scham verliert ihren Griff.
Die Schuldangst hört auf,
alles zu bestimmen.
Das Innere beginnt,
wieder Raum zu bekommen.

Licht fällt durch die Tür.
Einladend.
Als wolle es sagen:
Du musst nicht bleiben, wie du warst.

Das ist der tiefste Moment der Heilung:
Nicht, dass der Körper wieder funktioniert.
Sondern dass der Mensch sich wieder traut,
sich anzusehen - und gesehen zu werden.

Jesus löst nicht alles auf einmal.
Aber er bleibt.
Knoten für Knoten.
Geduldig.
Mitten im Raum meines Festgefahrenseins.

'Mein Kind, deine Sünden sind weggenommen.'
Dann wird Bewegung möglich -
erst innen, dann außen.

Der innere Knoten - oder: Wenn Schuldangst das Leben fesselt

Text: Matthäusevangelium 9, 1-8 - Übersetzung: Das Buch

1 Da stieg Jesus in das Boot und fuhr über den See hinüber. So kam er zurück nach Kapernaum, wo er wohnte. 2 Dort schleppten einige Männer auf einem Bettgestell einen Mann herbei. Dieser Mann war gelähmt. Und was tat Jesus? Er nahm wahr, welch ein Vertrauen sie erfüllte, und sprach den gelähmten Mann an: 'Mein Kind, du kannst wieder Mut fassen! Alle deine Sünden sind von dir weggenommen!' 3 Einige Theologen, die da waren, diskutierten miteinander und kamen zu dem Urteil: Jesus ist ein Gotteslästerer! 4 Aber Jesus merkte, was sie in ihrem Innersten dachten, und forderte sie heraus: 'Was tragt ihr so böse Gedanken in euren Herzen? 5 Was ist denn eurer Meinung nach leichter zu sagen: Alle deine Sünden sind von dir weggenommen! Oder: Richte dich auf und lauf umher!? 6 Doch damit ihr versteht, wer ich bin, nämlich der Menschensohn, den Gott über alles gesetzt hat, und dass ich wirklich die Macht habe, die Menschen von ihren Sünden zu befreien ...' - und in diesem Augenblick wandte er sich wieder dem Mann zu, der gelähmt dalag, und sagte zu ihm: 'Steh auf! Heb deine Liege auf und geh dann wieder nach Hause!' 7 Und wirklich! Er stand auf und ging zu Fuß nach Hause. 8 Alle, die das mit ihren eigenen Augen gesehen hatten, bekamen es mit der Angst zu tun. Und gleichzeitig fingen sie an, Gott laut die Ehre zu geben, besonders, weil er im Leben von ganz gewöhnlichen Menschen solche großartigen Zeichen seiner Macht geschehen ließ.

Worte des Lebens für uns

Es gibt Geschichten im Evangelium, die wir schnell zu kennen glauben. Wir wissen, wie sie ausgehen. Wir wissen, was 'die Pointe' ist. Und gerade deshalb hören wir sie manchmal zu harmlos. Matthäus 9,1-8 ist so eine Geschichte.

Ein Gelähmter wird zu Jesus gebracht. Er kann nicht gehen. Andere tragen ihn. Schon das ist ein starkes Bild: Ein Mensch kommt nicht aus eigener Kraft zu Jesus, sondern auf dem Vertrauen und der Hoffnung anderer.

Dann geschieht etwas Unerwartetes. Jesus sagt nicht zuerst: 'Steh auf!' Er sagt: 'Deine Sünden sind weggenommen.'

Alle sehen das Gleiche: einen gelähmten Mann auf einer Tragbahre. Jesus sieht mehr. Er sieht nicht nur einen Körper, der nicht funktioniert. Er sieht einen Menschen, dessen Leben blockiert ist - innerlich wie äußerlich. In der damaligen Welt war Krankheit oft verbunden mit Schuldängsten, Scham, dem Gedanken: Mit mir stimmt etwas nicht. Gott muss gegen mich sein.

Jesus geht genau dorthin. Er beginnt nicht beim Symptom, sondern bei der Wurzel. Er nimmt dem Mann zuerst das, was ihn noch stärker gefesselt hat als seine Lähmung: Schuldangst, innere Last, Angst vor Gott.

Die Schriftgelehrten - die damaligen Theologen - reagieren empört: 'Dieser lästert Gott! Sünden vergeben - das kann doch nur Gott!

Jesus nimmt diesen Vorwurf ernst. Er macht ihn nicht lächerlich. Aber er stellt eine entscheidende Frage: 'Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben - oder: Steh auf und geh umher?' Mit anderen Worten: Ihr könnt nicht überprüfen, ob Sünden vergeben sind. Aber ihr könnt sehen, dass ein Gelähmter wieder gehen kann. Jesus tut beides: er macht sichtbar, was unsichtbar geschehen ist. Jesus sagt: 'Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause.' Der Mann steht auf. Nicht spektakulär beschrieben. Kein Pathos. Er steht auf - und geht. Die Bahre, die ihn getragen hat, trägt er nun selbst. Was ihn festgehalten hat, ist nicht mehr sein Gefängnis, sondern sein Zeugnis.

Das ist mehr als eine körperliche Heilung. Es ist ein neues Selbstverhältnis: Ich bin nicht mehr der, der getragen werden muss. Ich bin der, der gehen kann.