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Das innere Kind und das Vertrauen
oder: Die himmlische Antwort - oft anders als erwartet
Text: Matthäusevangelium 7, 7–11 - Übersetzung: Das Buch
7 Bittet Gott! Und er wird euch beschenken. Sucht! Und er wird euch finden lassen. Klopft an! Und Gott wird euch seine Türen öffnen. 8 Es stimmt: Jeder, der bittet, wird beschenkt werden. Jeder, der sucht, wird finden. Und jeder, der bei Gott anklopft, erfährt, dass er ihm die Tür öffnet. 9 Stellt euch einmal vor: Dein eigenes Kind bittet dich um Brot. Gibt es einen unter euch, der ihm stattdessen einen Stein andreht? 10 Oder dein Kind bittet dich um ein Stück Fisch. Würdest du ihm eine Schlange vorsetzen? 11 Ihr Menschen seid ja von Bosheit geprägt. Dennoch seid ihr in der Lage, für eure eigenen Kinder zu sorgen und ihnen Gutes zu tun. Um wie viel mehr wird euer Vater, der über allem thront, denen wirklich gute Dinge schenken, die ihn darum bitten!
Tiefenpsychologische Betrachtung
In diesem Abschnitt spricht Jesus eine der einfachsten und zugleich tiefsten Wahrheiten des inneren Lebens aus. 'Bittet - suchet - klopft an': Drei Wörter, die eine seelische Bewegung beschreiben. Keine passive Haltung, sondern eine innere Dynamik - ein Rufen nach Beziehung, nach Sinn, nach Durchbruch.
1. Der Impuls der Seele: Sehnsucht als Antrieb
Das Bitten, Suchen und Anklopfen entspringt einer tiefen Sehnsucht. Tiefenpsychologisch gesehen ist diese Sehnsucht kein Mangel, der zu vermeiden wäre, sondern die Lebensbewegung der Seele selbst. Wer bittet, anerkennt sein Bedürfnis. Wer sucht, spürt, dass das, was ihn erfüllt, noch nicht gefunden ist. Wer anklopft, vertraut darauf, dass hinter der verschlossenen Tür jemand ist, der hört und öffnet. Viele Menschen haben in ihrem Leben gelernt, nicht mehr zu bitten - aus Enttäuschung, Scham oder Stolz. Die Stimme der Sehnsucht wurde zugedeckt. Aber verdrängte Sehnsucht wird nicht kleiner, sondern wandelt sich oft in Bitterkeit, Zynismus oder Resignation. Der Text ruft dazu auf, die verdrängte Bitte wieder ans Licht zu holen.
2. Das innere Kind und das Vertrauen
Jesus spricht vom Kind, das um Brot bittet - nicht um Reichtum, sondern um das Lebensnotwendige. Tiefenpsychologisch verweist das auf das innere Kind: den ursprünglichen, vertrauenden Anteil in uns, der glaubt, dass jemand hört und antwortet. Viele Erwachsene haben dieses Vertrauen verloren und ersetzt durch Kontrolle, Leistung oder Rückzug. Aber echte seelische Reifung geschieht nicht, indem man das kindliche Vertrauen auslöscht, sondern indem man es integriert und mit der Lebenserfahrung verbindet.
3. Die Angst vor der Bitte
Wer bittet, macht sich verletzlich. Darin liegt eine tiefe Ambivalenz: Der Wunsch nach Nähe trifft auf die Angst vor Zuräückweisung. Deshalb verschließen viele Menschen lieber das Herz, als diese verletzliche Stelle zu berühren. Die Worte Jesu durchbrechen diese Schutzmechanismen: 'Bittet - so wird euch gegeben.' Das ist keine mechanische Garantie, sondern ein innerpsychischer Prozess des Öffnens. Wer wirklich bittet, öffnet sich dem Leben, dem Du, dem Geheimnis - und damit auch der Möglichkeit, dass sich etwas wandelt.
4. Die himmlische Antwort - oft anders als erwartet
'Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben ...' Tiefenpsychologisch bedeutet das: Die Antwort des Lebens, der inneren Quelle, Gottes - wie immer man es nennt - kommt oft nicht in der Form, die wir uns ausmalen, sondern in einer tieferen Schicht. Wer bittet, empfängt nicht zwangsläufig die konkrete Erfüllung eines Wunsches, sondern manchmal eine Einsicht, eine innere Reifung oder eine neue Richtung. Entscheidend ist: Die Bitte öffnet einen inneren Raum, in dem Gnade, Sinn oder Wachstum geschehen kann.
5. Die Tür zum Selbst
Das 'Anklopfen' ist auch ein Bild für die Tür zur eigenen Tiefe. Viele Türen, die wir als 'verschlossen' erleben, sind nicht außen, sondern in uns selbst. Wer anklopft, klopft oft an die verschlossenen Kammern der eigenen Seele: an verdrängte Gefühle, an vergessene Träume, an das eigene Herz.
Worte des Lebens für uns
Drei einfache Wörter stehen am Anfang dieses Evangeliums: bitten - suchen - anklopfen. Drei Bewegungen, die das Leben in Gang setzen können. Es sind keine frommen Floskeln, sondern Wegmarken des Glaubens und der Menschlichkeit.
Wer bittet, anerkennt: Ich brauche etwas. Ich bin nicht alles aus mir selbst heraus. Ich bin angewiesen. Dieses Eingeständnis fällt vielen Menschen schwer. Wir leben in einer Welt, die Stärke feiert und Bedürftigkeit oft beschämt. Aber Jesus ruft uns, genau dort zu beginnen: bei der Sehnsucht, beim Mangel, beim Bedürfen. Bitten ist keine Schwäche - es ist ein Akt des Vertrauens.
Wer sucht, macht sich auf den Weg. Wer sucht, gibt sich nicht mit der Oberfläche zufrieden. Suchen bedeutet, dass man das, was wirklich trägt, noch nicht gefunden hat - oder immer neu finden muss. Glaube ist kein Besitz. Glaube ist Bewegung, Aufbruch, Fragen, Unterwegssein.
Und wer anklopft, glaubt, dass hinter der Tür jemand ist. Auch wenn wir die Antwort nicht kennen. Auch wenn wir unsicher sind. Anklopfen heißt: Ich rechne mit Beziehung. Ich rechne mit einer Antwort. Ich vertraue darauf, dass Leben, dass Gott antwortet - nicht immer so, wie ich es mir vorstelle, aber tiefer, als ich es ahnen kann.
Jesus spricht vom Vater, der seinem Kind nicht einen Stein gibt, wenn es um Brot bittet. Das ist ein schlichtes, alltägliches Bild. Ein Bild, das uns an die Grundstruktur von Vertrauen erinnert. Vertrauen ist die Wurzel jeder echten Beziehung - auch der Beziehung zu Gott.
Viele Menschen haben im Lauf ihres Lebens verlernt zu bitten. Zu oft wurden Bitten überhört, enttäuscht oder verlacht. Zu oft blieb die Tür scheinbar verschlossen. Manche haben daraufhin ihr Herz verschlossen - um sich zu schützen. Aber die Tür, an die Jesus uns erinnert, ist nicht nur außen. Sie ist auch in uns. Wenn wir wagen, diese Tür wieder zu berühren, können wir neu erfahren: Das Leben ist kein leerer Raum. Da ist jemand, der hört. Da ist eine Quelle, die nicht versiegt. Da ist ein Gott, der gute Gaben gibt. Vielleicht nicht immer das, was wir erbitten - aber immer etwas, das uns trägt und nährt.