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Das alte und das erneuerte Haus - oder: Die Tradition sagt ..., ich aber sage euch ...
Text: Matthäusevangelium 9, 16–17 - Übersetzung: Hoffnung für alle
'16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff. Der alte Stoff würde an der Flickstelle doch wieder reißen, und das Loch würde nur noch größer. 17 Ebenso füllt niemand jungen, gärenden Wein in alte, brüchige Schläuche. Sonst platzen sie. Dann läuft der Wein aus, und die Schläuche sind unbrauchbar. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche! Nur so bleibt beides erhalten.'
Eine Geschichte
Die Tochter versuchte ihrer Mutter immer wieder zu erklären, dass es nicht aus Undankbarkeit geschieht. Das Haus war alt geworden. Die Leitungen brüchig. Und der Enkel war inzwischen erwachsen, hatte Familie, Kinder, Zukunftspläne.
'Wir wollen ja nichts zerstören, Mama', sagte die Tochter. 'Wir wollen nur erneuern und ausbauen, damit das Haus auch für die Familie meines Sohnes genügend Platz bietet.' Für die Mutter klangen diese Worte wie Hohn. Für sie war das Haus Erinnerung. Der erste Spatenstich ihres Mannes. Die Abende, an denen sie gemeinsam Pläne zeichneten. Die schlaflosen Nächte während des Baus. Die Jahre der Entbehrung, in denen jeder Schilling zweimal umgedreht wurde. JederTeil des Hauses erzählte ihr eine Geschichte. Wenn nun jemand sagte: Das ist abgewohnt, hörte sie: Euer Leben war nicht genug.
Der Streit wurde härter. Worte fielen, die man nicht mehr zurückholen konnte. Die Oma sprach von Respektlosigkeit. Die Tochter von Verantwortung. Der Enkel schwieg - zerrissen zwischen Dankbarkeit und Zukunft.
Der Umbau begann trotzdem. Nicht aus Trotz, nicht aus Härte. Die Mutter sprach nicht mehr davon. Aber sie kam auch nicht hinaus auf die Baustelle. Wenn das Hämmern begann, schloss sie die Fenster. Wenn der Staub durch den Garten zog, zog sie die Vorhänge zu. 'Sie reißen alles nieder', dachte sie traurig. Manchnal mischte sich in die Traurigkeit Zorn. Die Tochter versuchte noch einmal, mit ihr zu reden. Doch jedes Gespräch endete an derselben Stelle. 'Für euch ist es nur ein Haus', sagte die Mutter. 'Für mich und deinen Vater war es ein Leben. Der Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was ihr jetzt mit unserem Haus macht.'
Auch dem Enkel sagte sie diesen Satz. Er brannte sich in ihm ein. Denn er wusste: Beides war wahr - und doch unvereinbar.
Das erneuerte Haus war hell, offen, modern. Doch für die Mutter war er fremd. Als hätte jemand über ihre Erinnerungen Beton gegossen. Einmal blieb sie vor der veränderten Fassade stehen. Sie sah lange hinauf. Dann sagte sie halblaut: 'Jetzt erkenne ich es nicht mehr.' Der Vater blieb ihr stummer Verbündeter. 'Er hätte das nie gewollt', dachte sie.
Als der Umbau abgeschlossen war, lebte die Mutter im alten Teil des Hauses, wie in einer Insel der Vergangenheit. Es gab kein großes Zerwürfnis. Keinen endgültigen Bruch. Die Tochter tat, was notwendig war. Der Enkel baute an seiner Zukunft. Die Mutter bewahrte ihr Gestern.
Deutung der Geschichte auf Jesus
So ähnlich wie der Tochter und dem Enkel in der Geschichte erging es Jesus. Er trat in ein Haus ein, das nicht irgendeines war. Es war das geistliche Haus Israels - gebaut aus dem Gesetz des Moses, Gebet, Traditionen, Tempelkult und jahrhundertelanger Gotteserfahrung. Errichtet von frommen Menschen, die Gott ehrlich gesucht hatten. Bewohnt von Erinnerungen, getragen von Opfern.
Für die führenden Männer der damaligen jüdischen Religion war dieses Haus heilig. Jede Wand ein Gebot. Jeder Balken eine Auslegung. Jede Ritze gefüllt mit Überlieferung.
Dann kam Jesus. Er riss nichts nieder - und doch wirkte alles, was er sagte und tat, wie ein Hammerschlag. Er heilte am Sabbat. Er stellte den Menschen über das Gesetz. Er sprach von Barmherzigkeit, wo sie Ordnung erwarteten. Er setzte Nähe an die Stelle von Abstand, Leben an die Stelle von Absicherung.
Für sie klang das wie Zerstörung. 'Ist denn unsere Lehre nicht gut genug?' 'Hat sie Gott nicht selbst gegeben?' 'Willst du alles ändern, wofür unsere Vorfahrenter gelebt haben?'
Zwischen ihren Worten und denen der Oma aus der Geschichte lag kaum ein Unterschied. Auch sie sagten: 'Unsere Väter würden sich im Grab umdrehen, wenn sie sähen, was du mit unserer heiligen Religion machst.' Denn was Jesus sagte, hörten sie nicht als Einladung - sondern als Anklage. Nicht: 'Das Alte war gut', sondern: 'Das Alte reicht nicht mehr.'
Jesus sah das anders. Er sah kein böses Haus. Er sah ein Haus, das zu eng war für das Leben, das Gott hineinlegen wollte. Darum erzählte er kein theologisches Argument. Er erzählte ein Bild: 'Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißen die Schläuche, der Wein geht verloren, und die Schläuche werden unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.' Nicht, weil die alten schlecht waren. Sondern weil sie alt waren. Nicht aus Verachtung der Vergangenheit. Sondern aus Treue zur Zukunft.
Doch die führenden Männer konnten das nicht hören. Für sie klang 'neu' wie 'Respektlosigkeit', 'lebendig' wie 'gefährlich', 'Gnade' wie 'Kontrollverlust'. So wie die Mutter im Hausumbau nur den Verlust sah - nicht die Kinder, die dort leben sollten -, so sahen sie in Jesus nur den Zerstörer - nicht den, der Gottes Nähe neu atmen ließ. Am Ende blieb auch hier keine Versöhnung. Jesus passte nicht in ihre Räume. Und sie wollten ihre Räume nicht verändern. Sie hielten am Alten fest und verloren das Lebendige, das mitten unter ihnen stand.
Jesus ging weiter. Nicht, weil er die Tradition verachtete, sondern weil Leben nicht wartet, bis alle bereit sind.