Auge und Hand - zwei Versuchungen des Ich
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Auge und Hand - zwei Versuchungen des Ich

Text: Matthäusevangelium 5, 29-30 - Übersetzung dem griechischen Originaltext nahe

29 Wenn aber dein rechtes Auge dich zur Sünde verführt, reiß es heraus und wirf es von dir! Es ist dir nämlich förderlich, dass eines deiner Glieder zugrundegeht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zur Sünde verführt, haue sie ab und wirf sie von dir! Es ist dir nämlich förderlich, dass eines deiner Glieder zugrundegeht und nicht dein ganzer Leib in die Hölle hingeht.

Gottes Wort ist Liebesbotschaft an uns

Kaum ein Wort Jesu klingt auf den ersten Blick so grausam, so fremd, so lebensfeindlich wie dieses. Auge ausreißen? Hand abhauen? - Wer wollte das tun? Und doch hat Jesus nie Selbstverstümmelung gemeint. Er spricht hier nicht vom Körper, sondern vom Inneren des Menschen, von unserem Bewusstsein, unserem Wollen, unserer Seele. Diese drastischen Bilder sollen uns wachrütteln. Sie sagen: Es gibt Dinge in dir, die du loslassen, abschneiden, herausreißen musst, wenn du heil werden willst. Nicht, weil sie an sich böse wären - sondern weil sie dich im Übermaß vom Eigentlichen abbringen.

Das Auge ist unser Tor zur Welt. Mit ihm sehen wir, erkennen wir, urteilen wir. Doch gerade dieses Sehen kann uns 'zur Sünde verführen' - im ursprünglichen Sinn: hamartía, das Ziel verfehlen. Unser rechtes Auge steht für jene Seite in uns, die: alles analysiert, einordnet, bewertet, den anderen durchschaut und festlegt, nichts stehen lassen kann, ohne es zu beurteilen. Wir kennen dieses Auge gut. Es ist das Auge der Kontrolle, der Kritik, der Rechthaberei. Es ist jenes Auge, das nicht mehr staunen kann, sondern nur noch taxiert. Doch wer so sieht, verliert die Tiefe. Er sieht nicht mehr den Menschen, sondern nur noch ein Etikett. Er sieht nicht mehr das Geheimnis, sondern nur noch das, was er kontrollieren kann. Dieses Auge kann uns von der Liebe trennen. Es macht uns kalt und hart, lässt uns über andere richten, statt sie zu verstehen. Und so sagt Jesus: Reiß es heraus. Nicht im wörtlichen Sinn - sondern: Nimm diesem Blick die Macht. Schließe es - und öffne dein anderes Auge: das Auge des Staunens, das schaut, ohne zu urteilen. Das Auge, das nicht besitzen will, sondern empfängt.

Auch die rechte Hand steht für eine Seite unserer Seele: für das aktive, gestaltende Bewusstsein, für den Willen, für das Tun. Sie greift ein, sie greift zu, sie will gestalten und verändern. Und das ist gut und notwendig. Aber diese Hand kann auch 'zur Sünde verführen' - wenn sie glaubt, alles machen zu können, auch das, was sich nicht machen lässt: inneres Wachstum, Liebe, Wandlung. Dann wird aus schöpferischer Kraft ein gefährlicher Machbarkeitswahn. Dann versucht der Mensch, auch seine Seele zu 'bearbeiten', sie zu optimieren, sie zu kontrollieren. Dann verliert er die Demut, sich führen zu lassen. Auch hier sagt Jesus: Hau sie ab. Das heißt: Lass los. Gib auf, alles erzwingen zu wollen. Gib auf, dein Leben vollständig in der Hand halten zu wollen. Lass Raum für das, was wachsen will, ohne dass du es machst.

'Es ist besser, dass eines deiner Glieder verloren geht ...' - dieser Satz ist unbequem, aber wahr. Jeder innere Wandlungsprozess ist mit Verlust verbunden. Etwas muss sterben, damit Neues entstehen kann. C. G. Jung nannte das den 'Opferprozess'. Ein übermächtig gewordener Teil unseres Bewusstseins muss geopfert werden, damit Ganzheit entstehen kann. Das Auge, das alles kontrollieren will. Die Hand, die alles machen will. Beide sind nicht böse - aber sie dürfen nicht herrschen. So wie ein Baum beschnitten werden muss, damit er Frucht bringt, so müssen auch wir beschneiden, was uns einengt und unfrei macht. Nicht um ärmer zu werden - sondern um freier zu werden.

Wenn Jesus von der 'Hölle' spricht, meint er hier nicht einen Ort nach dem Tod, sondern einen inneren Zustand: die Erfahrung der Entfremdung, der Zerrissenheit, der inneren Abgeschnittenheit von uns selbst und von Gott. Wer von seinem urteilenden Auge beherrscht wird, landet in der Hölle des Zynismus. Wer von seiner machenden Hand beherrscht wird, landet in der Hölle des Getriebenseins. Beide Höllen kennen wir - sie sind real und mitten unter uns.

Am Ende führt dieses harte Wort Jesu mitten hinein in das große geistliche Gesetz: 'Stirb und werde.' Was zu stark, zu einseitig, zu dominant geworden ist, muss 'sterben', damit ein neuer, ganzer Mensch geboren werden kann. Das Auge, das alles bloßstellt, soll zum Auge des Staunens werden. Die Hand, die alles kontrollieren will, soll zur Hand des Empfangens, des Segnens werden. Dann geschieht das, was Jesus meint: nicht der ganze Mensch geht verloren, sondern ein Teil, der uns sonst ins Verderben reißen würde.