Anmerkungen zu Matthäus 8, 1-4
Text: Matthäusevangelium 8, 5–13: wortgetreue Übersetzung aus dem griechischen Urtext
5 Hineingegangen war aber er nach Kafarnaum, kam zu ihm ein Zenturio, bittend ihn 6 und sagend: Herr, mein Bursche ist hingeworfen (= liegt darnieder) im Haus gelähmt, schrecklich gequält werdend. 7 Und er sagt zu ihm: Ich, gekommen, werde heilen ihn. 8 Und antwortend, der Zenturio sagte: Herr, nicht bin ich würdig, dass unter mein Dach du hineingehst; aber nur rede mit einem Wort, und geheilt werden wird mein Bursche. 9 Denn auch ich ein Mensch bin unter Amtsgewalt, habend unter mir Soldaten, und ich sage zu diesem: Geh! Und er geht. Und zu einem andern: Komm! Und er kommt, und zu meinem Diener: Tu dies! Und er tut. 10 Gehört habend aber, Jesus wunderte sich und sagte zu den Nachfolgenden: Wahrlich, ich sage euch: Bei niemandem so großen Glauben in Israel habe ich gefunden. 11 Ich sage aber euch: Viele von Aufgang und Untergang werden kommen und werden sich niederlegen mit Abraham und Isaak und Jakob im Reich der Himmel; 12 aber die Söhne des Reichs werden hinausgeworfen werden in die Finsternis äußerste; dort wird sein das Weinen und das Knirschen der Zähne. 13 Und sagte Jesus zu dem Zenturio: Geh hin! Wie du geglaubt hast, geschehe dir! Und geheilt wurde sein Bursche in jener Stunde.
Anmerkungen
Kafarnaum lag am Nordwestufer des Sees Gennesaret und war im 1. Jh. ein bedeutender Handels- und Grenzort zwischen dem Gebiet des Herodes Antipas und dem Herrschaftsbereich des Philippus. Die Via Maris - eine wichtige Handelsstraße - führte in der Nähe vorbei. Entsprechend präsent waren Zöllner, Soldaten und Verwaltungsbeamte. Der im Text genannte Hauptmann war ein Offizier der römischen Besatzungsmacht, zuständig für etwa 80-100 Soldaten. Er steht damit für die politische und militärische Fremdherrschaft - und zugleich für die heidnische Welt außerhalb Israels. Umso überraschender ist seine Haltung: respektvoll, bittend, nicht fordernd.
Mathhäus 8, 5-13 steht unmittelbar nach der Bergpredigt (Mt 5-7). Matthäus zeigt nun in einer Abfolge von Heilungen (Mt 8-9), dass Jesu Worte Macht haben, sich aber nicht nur
an Israel richten.
Auffällig ist die Dramaturgie:
Mt 8,1-4: Heilung eines Aussätzigen (religiös Ausgeschlossener innerhalb Israels
Mt 8,5-13: Heilung des Knechtes eines römischen Hauptmanns (religiös Ausgeschlossener außerhalb Israels)
Matthäus zeichnet bewusst einen weiten Horizont: Reinheit, Glaube und Zugehörigkeit werden von Jesus neu definiert.
'Hauptmann': Ein römischer Offizier, Symbol der Besatzungsmacht. In der jüdischen Wahrnehmung oft negativ, hier jedoch überraschend positiv gezeichnet.
'Knecht': Der Begriff kann sowohl Diener als auch Sohn bedeuten. Matthäus lässt die Mehrdeutigkeit stehen - sie verstärkt die emotionale Nähe des Hauptmanns zu dem Kranken.
'Ich bin nicht würdig': Aus jüdischer Perspektive wäre der Eintritt Jesu in ein heidnisches Haus kultisch problematisch. Der Hauptmann respektiert diese Grenze - und überschreitet sie zugleich im Vertrauen auf Jesu Wort.
'Sprich nur ein Wort': Hier kulminiert der Text: Glaube als Vertrauen in die Wirkmacht des Wortes, nicht in Nähe, Ritual oder Berührung.
Jesus staunt: 'Bei keinem in Israel habe ich solchen Glauben gefunden.' (Mt 8,10) Der Maßstab ist nicht Abstammung, Gesetzeskenntnis oder Nähe zur religiösen Elite, sondern vertrauende Offenheit.
Der Hauptmann versteht Jesu Autorität aus seiner eigenen Erfahrung von Befehl und Gehorsam - und erkennt: Jesu Wort wirkt über Raum und Distanz hinweg.
Mt 8,11-12 erweitert die Szene: 'Viele werden kommen von Osten und Westen ... aber die Kinder des Reiches werden hinausgeworfen werden.' Das ist kein Antijudaismus, sondern eine Warnung vor religiöser Selbstsicherheit.