REICH GOTTES Lernen

5. Sonntag der Osterzeit

19. Mai 2019

Gedanken zum Johannesevangelium 13, 31–35

Thema: Höchste Stufe der Verherrlichung Gottes

Das vierte Evangelium überliefert uns an dieser Stelle Jesusworte, die uns die Verfasser der anderen drei Evangelien nicht wiedergeben: „Jetzt wird der Menschensohn verherrlicht, und Gott wird in ihm verherrlicht.”

„Verherrlichen”, was heißt das? Verherrlichen bedeutet „als etwas Herrliches darstellen”. Wodurch wird der Menschensohn denn verherrlicht? Was macht ihn herrlich, großartig, unübertrefflich und schön? Ist es der Leidensweg, den er jetzt geht? Ist es das Kreuz, das er jetzt auf sich nimmt? Ist es das qualvolle Sterben am Kreuz, das er jetzt erleidet? Nein! Leiden, Sterben und Verenden am Kreuz sind das Gegenteil von etwas Herrlichem, sie sind abscheulich, grässlich und grauslich. Leiden und Kreuz an sich zu verherrlichen ist nicht im Sinne Gottes. Was der wahre Grund der Verherrlichung des Menschensohnes ist, beantwortet und erläutert der Verfasser des vierten Evangeliums an anderen Stellen. Er lässt Jesus sagen: „Gott liebt die Welt so sehr, dass er sich in seinem einzigen Sohn hingibt.” (Joh 3, 16) Und: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.” (Joh 15, 13) Und der Verfasser des Johannesevangeliums schreibt: „Da er (= Jesus) die Seinen, die in der Welt sind, liebt, erweist er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.” (Joh 13, 1b) Die Ganzhingabe Jesu, die in seinem Leiden und Sterben bis zum Äußersten geht, bis zum Letzten, ist gleichsam der Gipfel, der unüberbietbare Höhepunkt des bedingungslosen und uneingeschränkten JA Gottes zu seiner Schöpfung und seiner grenzenlosen und totalen Zuwendung zur Welt als ganzer und zu jeder und jedem von uns ganz persönlich. Gottes Hingabe an seine Schöpfung ist Hingabe mit letzter Konsequenz. Und die Ganzhingabe ist auch der wahre Grund der Verherrlichung Jesu und der Verherrlichung Gottes. Darin verherrlicht sich Gott und dadurch wird er verherrlicht, dass er im Menschen Jesus von Nazareth seine Ganzhingabe an die Welt bis an die äußerste Grenze gehend zeigt und ausdrückt.

Noch einmal: Gott sagt am Schöpfungsmorgen ein bedingungsloses und unbefristetes JA zu seiner Schöpfung und zu allen seinen Geschöpfen, so wie sie sind, in ihrer Unvollkommenheit, in ihrer Schwachheit und Fehlbarkeit. Sein JA gilt für alle Fälle und alle Umstände. Er nimmt es in alle Ewigkeit nicht zurück.

Oft schämen sich Menschen für das Fehlverhalten anderer. Angehörige einer Familie schämen sich für Handlungen von Eltern oder Kindern oder Geschwistern, die gesellschaftlichen Normen widersprechen und Schande über die Familie bringen. Oder Menschen empfinden Scham für schwerwiegendes Fehlverhalten eines Mitglieds einer Gemeinschaft, der sie selber angehören. Würde Gott so denken und handeln wie die Menschen, müsste er sich jeden Tag unzählige Male schämen für die täglichen Irrtümer und das oftmalige Versagen seiner Menschenkinder. Wir glauben nicht, dass Gott sich für unser unfertiges und mangelhaftes Reden und Tun schämt. Denn erstens hat er uns ja als unvollkommene Wesen erschaffen. Und zweitens sieht er schon das Ziel, unsere ewige Vollendung, und er weiß um unsere Lern- und Entwicklungsfähigkeit, die er jedem Menschen gibt. Er schenkt uns geduldig die Zeit, zu lernen und uns zu entfalten.

Wo immer sich Menschen anderen hingeben, helfend, dienend, tröstend, ermutigend, einfühlend, wohltuend begleitend da sind für andere, verherrlichen sie Jesus, verherrlichen sie Gott. Hingabe ist die höchste Form und Stufe der Verherrlichung Gottes.