Gott leidet in uns

Es gab eine Zeit, da wurde uns gesagt: Leiden ist Strafe Gottes für Sünde und Schuld.

Es gab eine Zeit, da wurde uns gesagt: Leiden ist Sühne für Sünden anderer.

Es gab eine Zeit, da wurde uns gesagt: Leiden ist ohne Sinn.

Es gab eine Zeit, da wurde uns gesagt: Gott ist allmächtig.

Es gab eine Zeit, da wurde uns gesagt: Gott ist unempfindlich erhaben über Gefühle, über Schmerz und Leid.

Wir glauben an einen grenzenlos liebenden, nicht an einen strafenden Gott. Wir glauben nicht, dass Gott das Leiden seiner Geschöpfe und das Opfer seines Sohnes als Genugtuung und Sühne für die Sünden der Welt braucht, um mit der Welt versöhnt zu sein.

Wir glauben, wenn ein Geschöpf leidet, leidet Gott in diesem Geschöpf. Wenn ein Geschöpf traurig ist und weint, ist Gott traurig und weint in diesem Geschöpf. Wenn ein Geschöpf Schmerzen leidet, leidet Gott Schmerzen in diesem Geschöpf. Wenn ein Geschöpf Qualen leidet, leidet Gott Qualen in diesem Geschöpf.

Gott ist alles in allem und in allen. Er teilt alles mit uns. Er ist auch ein Leidender, ein Mitleidender, ein Einfühlender. Wenn ich leide, leidet Gott in mir. Wenn du leidest, leidet Gott in dir.

In einem Bibelhörspiel wird erzählt von einem Vater und seinem epileptischen Sohn. Der Sohn ist gesund bis zum Tag der Verlobung mit seiner Freundin. Mitten in der Verlobungsfeier erleidet er seinen ersten epileptischen Anfall und in der Folge häufig weitere. Seine Freundin verlässt ihn bald. Der Vater hat gehofft, sein Hab und Gut einmal seinem Sohn zu übergeben. Er hat zu Gott gebetet um die Gesundheit seines Sohnes, Tag und Nacht hat er ihn inständig angefleht. Aber sein Gebet wurde nicht erhört. Schließlich hörte der Vater auf, zu Gott zu beten, und fing an, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Verzweifelt schrie er: "Der Himmel ist leer, leer, leer. Beten ist, wie wenn du nach oben spuckst. Die Spucke fällt dir ins Gesicht zurück."

Eines Tages kommt Jesus in den Ort und begegnet am Marktplatz diesem Vater und seinem Sohn. Plötzlich bekommt der Sohn einen weiteren epileptischen Anfall. In seiner Not wendet sich der Vater an Jesus und weinend fragt er ihn: "Warum lässt Gott meinen Sohn leiden? Er hat doch nichts Böses getan. Wenn er jemanden bestrafen will, dann soll er doch mich bestrafen und nicht meinen Sohn." Da kniet sich Jesus zum Sohn und berührt und umarmt ihn. Da löst sich der Anfall und der Sohn steht auf. Jesus umarmt Vater und Sohn und sagt zum Vater: "Gott leidet mit dir und deinem Sohn." Und er begleitet die beiden nach Hause.

In diesem Hörspiel finden wir unseren Glauben.

Menschen, die viel zu leiden hatten, haben uns erzählt, dass sie rückblickend ihr Leiden keineswegs für sinnlos finden. Sie sind im Leiden gereift, gereift an Einfühlsamkeit, Menschlichkeit und Liebe und in ihrem Vertrauen auf Gott. Sie sind durch ihr Leiden näher zu Gott gekommen und haben neuen Sinn für ihr Leben gefunden.