Jesus spricht vom Kreuz zu dir

Antlitz des Gekreuzigten

Ich bin das, wovor du dich am meisten fürchtest: dein tiefstes, am meisten verwundetes und nacktes Selbst. Ich bin das, was du dem zufügst, was du lieben könntest.

Ich bin deine tiefste Güte und deine tiefste Schönheit, die du leugnest und verzerrst. Deine Bosheit besteht in dem, was du der Güte antust - der eigenen Güte und der Güte aller anderen.

Du läufst vor dem Einzigen davon und bekämpfst es sogar, was dich wirklich verwandeln wird. Aber es gibt nichts zu hassen oder zu bekämpfen. Wenn du es versuchst, wirst du selbst zu einem Spiegelbild dessen, was du ablehnst.

Nimm dies alles an - in mir. Ich bin du selbst. Ich bin die gesamte Schöpfung. Ich bin jeder und jede, ich bin jedes Ding.

Du sprichst zum Gekreuzigten

Bruder Jesus, du bist mein Leben, das ich verleugne. Du bist mein Tod, den ich fürchte. Ich umarme sie beide in dir. Jetzt begreife ich - durch dich und deinetwegen -, dass Tod und Leben keine Gegensätze sind. Du bist mein volles ungeschütztes Selbst. Du handelst ohne Unterlass, was mich grenzenlos empfangen lässt. Das ist meine göttliche Möglichkeit.

Du, Bruder Jesus, bist meine schändlich missachtete und vernachlässigte Seele. Du bist das, was wir der Güte zufügen. Du bist das, was wir Gott zufügen. Du bist die schändlich missachtete und vernachlässigte Seele aller Dinge. Du bist, was wir dem antun, was wir lieben sollten und könnten. Du bist es, was wir einander antun. Du bist es, was wir der Realität antun, die direkt vor unseren Füßen liegt. Du bist es, was wir uns selbst antun.

Ich hasse und fürchte all die Dinge, die mich befreien werden. Möge mir dieser Gedanke helfen, diese Dinge zu lieben, mit ihnen Geduld zu haben und ihnen sogar zu vergeben.

Ich kann einfach niemandem erlauben, mich "für nichts und wieder nichts" zu lieben. Ich bestehe darauf, würdig zu sein und die Liebe zu verdienen. Und dann verlange ich dasselbe auch von anderen. Aber deine Arme bleiben ausgestreckt und empfangen die ganze Welt.

Du allein, Christus Jesus, weigerst dich, andere zu kreuzigen, selbst um den Preis, selbst gekreuzigt zu werden. Du spielst niemals das Opfer, forderst niemals Vergeltung, sondern du beatmest das Universum von der Kreuzigungsstätte aus, die dein Anti-Thron ist, mit einer universellen Vergebung.

Wir Menschen hassen uns so oft selbst, aber irrtümlicherweise töten wir dich und andere. Du hast immer gewusst, dass wir das tun würden, nicht wahr? Und du hast es akzeptiert.

Und nun lädst du mich ein, aus diesem Kreislauf der Illusionen und der Gewalt gegen mich und andere auszusteigen.

Ich will aufhören, dein gesegnetes Fleisch zu kreuzigen, diese gesegnete Menschheit, diese heilige Mutter Erde.

Ich danke dir, Bruder Jesus, dass du ein menschliches Wesen geworden bist und dass du den gesamten Weg an meiner Seite gehst. Jetzt muss ich nicht mehr so tun, als sei ich Gott.

Das ist mehr als genug und mehr als gut zu wissen, dass wir das gemeinsam machen.

Ich danke dir, dass du dich begrenzt und beschränkt hast, so dass ich nicht so tun muss, als sei ich unendlich und grenzenlos.

Ich danke dir, dass du klein und niedrig geworden bist, so dass ich nicht vorgeben muss, groß und irgendjemandem überlegen zu sein.

Ich danke dir, dass du unsere Schande und Nacktheit so mutig und so öffentlich sichtbar ausgehalten hast, so dass ich die Fakten unseres Menschseins nicht verbergen oder leugnen muss.

Ich danke dir, dass du akzeptiert hast, ausgeschlossen und ausgestoßen zu werden, und dass du "außerhalb der Mauern" gekreuzigt wurdest. Dadurch weiß ich, dass ich dir genau dort begegnen werde.

Ich danke dir dafür, dass du "zur Sünde geworden bist", so dass ich mein eigenes Versagen nicht leugnen muss und erkennen kann, dass gerade meine Fehler der wahrhaftigste und überraschendste Pfad zur Liebe sind.

Ich danke dir, dass du schwach geworden bist, so dass ich keine Stärke markieren muss.

Ich danke dir, dass du bereit warst, dich für jemanden halten zu lassen, der nicht perfekt, nicht richtig im Kopf und ein komischer Kauz ist, so dass ich nicht perfekt oder richtig sein oder das "Normale" anbeten muss.

Ich danke dir dafür, dass du von vielen weder geliebt noch geschätzt worden bist, so dass ich mich nicht so stressen muss, jedermanns Liebling zu sein.

Ich danke dir, dass du für einen Verlierer gehalten worden bist, so dass ich nicht vorgeben oder auch nur versuchen muss, ein Gewinner zu sein.

Ich danke dir, dass du zugelassen hast, nach den Maßstäben von Staat und Religion falsch zu liegen, so dass ich nirgendwo richtig liegen muss.

Ich danke dir, dass du in jeder Hinsicht arm warst, so dass ich in keiner Hinsicht danach trachten muss, reich zu werden.

Ich danke dir, Bruder Jesus, dass du all das bist, was die Menschheit verachtet und fürchtet, so dass ich mich selbst in dir und durch dich ganz und gar annehmen kann - und auch alle anderen!

Gekreuzigter Jesus, ich danke dir, dass du mir all diese Dinge in einem großartigen Bild der Einsicht und Barmherzigkeit zeigst. Ja, es ist wahr, was die Mystiker des Mittelalters sagten: Crux probat omnia - "Das Kreuz legitimiert/beweist/benutzt alles".

Ich möchte dich lieben in dieser Gestalt, Bruder Jesus. Es ist für mich nötig, dich so zu lieben, sonst werde ich niemals frei oder glücklich in dieser Welt.

Du und ich, Bruder Jesus, wir sind derselbe.

in: Richard Rohr, Alles trägt den einen Namen: Die Wiederentdeckung des universalen Christus. Gütersloher Verlagshaus.