20. Sonntag im Jahreskreis B

Johannesevangelium 6, 51-58

Thema: Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit

Jesus, deine Worte über das Himmelsbrot, die uns das vierte Evangelium überliefert, sind für uns schwer verständlich.

Jesus:

Der Autor des vierten Evangeliums lässt mich eine Sprache sprechen, die sich von der Sprache der anderen Evangelien deutlich unterscheidet. Er war geprägt von dem, was Mystik und Kontemplation genannt wird. Er hat so wie ich das Eins sein mit dem dreieinen Gott erfahren. Diese Erfahrung übersteigt menschlichen Verstand, sie liegt auf einer Bewusstseinsebene, zu der Verstand und Vernunft keinen Zugang haben. Daher fehlen dem, der die Einheit mit Gott erfährt, geeignete Begriffe, diese Erfahrung zu beschreiben und anderen mitzuteilen.

Jesus, der Verfasser des vierten Evangeliums lässt dich die Worte sagen: „Ich bin das Lebensbrot vom Himmel. Wer dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.” Handelt es sich bei diesen Worten um den stammelnden Versuch eines Menschen, seine Erfahrung des Eins seins mit dir und dem dreieinen Gott in Begriffe zu fassen?

Jesus:

So ist es. Brot und Wein, die in der Eucharistiefeier und beim Abendmahl äußerlich sichtbar ausgeteilt und von Menschen gegessen, d. h. körperlich, leibhaftig aufgenommen werden, deuten auf die tieferliegende, unsichtbare Wirklichkeit dahinter hin. Sie ist die eigentliche, wirkliche Wirklichkeit. Dieses Essen und Trinken schaffen nicht die Einheit mit mir und dem dreieinen Gott, sondern machen diese Einheit, die immer schon besteht, bewusst.

Jesus, hören wir recht: diese Einheit ist immer schon vorhanden?

Jesus:

Die herkömmliche religiöse Auffassung sieht Gott und die Schöpfung als Zweiheit. Sie glaubt, Gott hätte sich ein Gegenüber geschaffen, von dem er sich durch eine Kluft getrennt hält. Sie ist der Überzeugung, der Mensch hätte sich von Gott entfernt, hätte damit seine Einheit mit ihm verloren und müsste durch Erlösung zu seiner ursprünglichen Einheit mit Gott zurückgebracht werden. Der mystische, kontemplative Mensch aber erfährt sich als Nicht-Zweiheit, sondern als eins mit dem göttlichen Urgrund in ihm selber und eins mit der gesamten Schöpfung. Dem mystischen Menschen geht es nicht darum, mit Gott eins zu werden, sondern sich der immer schon bestehenden Einheit mit ihm inne zu werden und sie zu erfahren. Er sieht die sichtbare Schöpfung als Offenbarung des dreieinen Gottes, als vordergründige Wirklichkeit, hinter der die wirkliche, für unsere leiblichen Augen verborgene Wirklichkeit steht. Nur die kontemplative Schau mit dem inneren Auge, mit dem Herzen macht sie erfahrbar.

Jesus, was bedeutet „leben in Ewigkeit” bzw. „das ewige Leben haben”?

Jesus:

Ewigkeit bzw. ewiges Leben sind andere Ausdrücke für in Ganzheit leben, erfüllt leben, Leben, das alles hat, Leben, dem nichts abgeht.

Jesus, wie hast du zur Erfahrung des Eins seins mit dem dreieinen Gott gefunden?

Jesus:

Oft, manchmal ganze Nächte, habe ich mich zurückgezogen allein in die Stille und Herzensruhe. Ich habe geübt, innerlich leer zu werden, frei zu werden von allen meinen Gefühlen und Gedanken und von meinem Ichbewusstsein. Das ist am Anfang nicht einfach. Ich habe mich nach innen gewendet zum Urgrund meiner Seele, wo Gott wohnt. Ich habe gelernt, im zeitlosen Augenblick zu leben, in dem Gott ist. Jeden Tag habe ich mir eine Zeit freigehalten für das kontemplative Eins sein mit dem dreieinen Gott.

Jesus, wir haben Sehnsucht, das Eins sein mit dem dreieinen Gott so zu erfahren wie du. Sind alle Menschen dazu fähig?

Jesus:

Ja, alle können zu dieser Erfahrung gelangen. So wie alles im Leben muss auch kontemplatives Beten gelernt werden. Genaue Anleitungen dazu gibt es viele, sowohl von spirituellen Lehrern als auch in vielen entsprechenden Büchern.

Danke, Jesus. Wir loben und preisen dich.