REICH GOTTES Lernen

Keine Schuldsprüche im Reich Gottes

Wer ist schuld?

Er ist schuld. Sie ist schuld. Die sind schuld.

Unsere Welt im Kleinen wie im Großen ist voll von Vorwürfen und Einflößen von Schuldgefühlen, von Beschuldigungen, Schuldzuweisungen und Verpassen von Rüffeln, von Anklagen, Verurteilungen und an den Pranger stellen, von Sündenbocksuche und Jagd nach Schuldigen.

Die Welt im Kleinen wie im Großen kennt keine Gnade und kein Erbarmen.

Wer andere beschuldigt, verlangt von ihnen Vollkommenheit und spricht ihnen die Möglichkeit des Lernens und Reifens ab. Er vergisst dabei, dass er selber unvollkommen ist. Er spielt Richter über andere. Warum urteilen und richten Menschen über andere? Warum tun das Menschen so gern? Warum beteiligen sich Menschen so vergnüglich an der Jagd nach Schuldigen? Was liegt da im Herzen des Menschen vor?

Andere für schuldig erklären ist der Versuch, von der eigenen Schwäche abzulenken und die eigenen Unzulänglichkeiten zu verbergen.

Im Letzten steckt Angst dahinter, dass andere gering von mir denken, mich nicht anerkennen, mich nicht annehmen und mich abweisen, weil ich schwach und fehlerhaft bin. Darum mache ich mich selber groß und andere klein, darum schiebe ich die Fehler von mir weg und den anderen in die Schuhe.

Warum will niemand schuldig sein? Warum schiebt jeder Schuld auf andere?

In einer hartherzigen, gnadenlosen und unbarmherzigen Welt muss sich jeder davor fürchten, schuldig gesprochen zu werden und am Pranger zu stehen.

Welche Folgen und Auswirkungen haben Schuldzuweisungen und Anklagen auf unser Leben und unser Zusammenleben? Was macht das mit uns selber?

Das führt zur Vergiftung der eigenen Seele und zerstört menschliches Miteinander.

Wie kann ich selber davon geheilt werden, andere zu beschuldigen und anzuklagen?

Die beste Therapie bietet mir der Glaube, dass ich selber von Gott niemals beschuldigt und angeklagt werde.

Petrus fragt Jesus: Wie oft muss ich jemandem verzeihen? Siebenmal? Jesus antwortet: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Das bedeutet: Immer.

So hat Jesus gelebt und uns damit gezeigt, dass Gott so an uns handelt. Weil er von vornherein nicht anklagt, darum braucht Gott auch nie zu verzeihen.

Das Evangelium erzählt von einem Gelähmten, der zu Jesus gebracht wird. Jesus spricht ihn an mit den Worten: Dir sind deine Sünden vergeben. Und zwar immer und immer schon – voraussetzungslos und bedingungslos. Offensichtlich war dieser Mensch innerlich gelähmt von der Angst, dass Gott sein Leben, so wie es war und geworden ist, nicht annimmt. Nach den Worten Jesu richtete sich der Gelähmte auf und konnte wieder aufrecht gehen.

Wenn ich mir jeden Tag aufs Neue bewusst mache, dass mich Gott niemals anklagt und schuldig spricht, dann kann ich selber vom Anklagen und Schuldigsprechen geheilt werden.

Im Reich Gottes gibt es keine Anklagen und keine Schuldzuweisungen. Was hindert mich daran, jetzt schon die Maßstäbe Gottes zu lernen, umzusetzen und zu leben? Wenn die Menschen einmal ganz damit aufhören, andere schuldig zu sprechen, dann wird Gottes Reich erlebbare Wirklichkeit.

Ich bin mir selber, meiner Selbstachtung und meinem seelischen Wohlbefinden schuldig, mich vor Schuldzuweisungen zu schützen und mich davor abzugrenzen.

Der Jesuitenpater und spirituelle Lehrer Anthony de Mello erzählt in seinem Buch „Eine Minute Unsinn” folgende Geschichte:

Der Meister ging eine Straße entlang. Plötzlich stürzte ein Mann aus einem Hauseingang, so dass die beiden heftig gegeneinanderprallten. Der Mann war furchtbar wütend, schrie und schimpfte und beleidigte den Meister. Daraufhin verbeugte sich der Meister mit einem milden Lächeln und sprach: „Ich weiß nicht, wer von uns beiden an dem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung dieser Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige waren, können Sie die Sache einfach vergessen.” Er verbeugte sich noch einmal und ging mit einem Lächeln im Gesicht seines Weges.