REICH GOTTES Lernen

8. Sonntag im Jahreskreis C

Gedanken zum Lukasevangelium 6, 39-45

Thema: Der gespiegelte Balken

Ich stelle mir vor, ich bin ein großes Haus mit zahlreichen Räumen. Jeder Raum ist einmalig schön und birgt einen kostbaren Schatz. Als Kind habe ich jeden Raum ungeniert aufgesucht, erforscht und mich an ihm erfreut. Als ich heranwuchs, sagte mir jemand, dass ihm einige Räume des Hauses nicht gefallen, weil sie mit Mängeln behaftet und Verderben bringend wären, und ich täte gut daran, diese Räume nicht mehr zu betreten und sie am besten zu verschließen. Weil ich die Zuneigung, das Wohlwollen und die Gunst dieses Menschen nicht aufs Spiel setzen wollte, besuchte ich diese Räume von nun an nicht mehr. Ich sperrte ihre Türen zu und verhielt mich so, als gehörten sie nicht zum Haus. Nach und nach hatten immer mehr Menschen an verschiedenen Räumen des Hauses etwas auszusetzen und teilten mir mit, welche Räume des Hauses sie gut finden und welche schlecht. Wegen der Räume des Hauses, die bei anderen Missfallen auslösten, schämte ich mich und zeigte sie fortan niemandem mehr. Ich mochte diese Räume auch selber nicht mehr. Also traf ich die Entscheidung, alle Räume des Hauses abzuschließen, die den Normen der Gesellschaft und meinem idealen Selbstbild nicht entsprachen. Schließlich gerieten alle verschlossenen Räume des Hauses bei mir in Vergessenheit.

Das Haus mit den vielen, vielen Räumen ist ein Bild für meine Ganzheit. Jeder einzelne Raum des Hauses verkörpert einen einzigartigen Teil von mir, der einen wertvollen Juwel in sich trägt. Das Abschließen und Vergessen mancher Räume des Hauses stellt sinnbildlich das Nicht-mehr-zeigen, Verbergen und Vergessen bestimmter Teile von mir dar.

Ausblenden, Verleugnen und Verdrängen von Bereichen, die zu mir gehören, führen dazu, dass ich meine abgespaltenen Teile auf andere spiegle und übertrage und sie bei anderen ablehne, beanstande, verurteile, verachte und bekämpfe. Was mich an anderen stört, stört mich in Wahrheit an mir selbst. Um dies mit den Worten des Evangeliums auszudrücken: Den Balken in meinem eigenen Auge sehe ich als Splitter in den Augen anderer.

Seitdem wir bestrebt sind, das Evangelium Jesu immer besser kennenzulernen, sind wir dabei vertrauen zu lernen, dass Gott in jedem von uns wohnt und alle unsere persönlichen Anteile mit seinem göttlichen Licht erhellt, und es deshalb keine dunklen Räume und keine schlechten und bösen Teile in uns geben kann. Wir können getrost alle versperrten Räume des Hauses aufsperren und sie betreten und zeigen und uns ihrer erfreuen, wie wir das als Kinder getan haben. Nie mehr brauchen wir Teile von uns abzulehnen, zu verurteilen, zu verachten und zu bekämpfen. Wir können uns annehmen, zu uns Ja sagen und uns an uns erfreuen mit allem, was wir sind und was uns ausmacht, weil Gott uns annimmt, Ja zu uns sagt und Freude hat an uns mit allem, was wir sind und was uns ausmacht.

Seitdem wir lernen, dass der Splitter, den wir in den Augen anderer Menschen sehen, nur eine Spiegelung des Balkens in unserem eigenen Auge ist, sagen wir zu uns selber, wenn wir an jemandem etwas auszusetzen haben und irgendwelche Eigenschaften und Eigenarten an anderen bemängeln, nicht annehmen und verurteilen: „Ich selber bin so.” „Und ich nehme mich an, wie ich bin.” Das sagen wir uns selber vor.

Wir machen die Erfahrung, dass diese Verhaltensweise für uns sehr hilfreich ist und heilende Wirkung hat, uns im Urteilen und Richten über uns selbst und über andere zurückzunehmen.