REICH GOTTES Lernen

4. Sonntag der Osterzeit C

Gedanken zum Johannesevangelium 10, 27–30

Thema: Das Leben lernen

„Niemand vermag uns aus der Hand Gottes zu reißen”, versichert uns Jesus. Nichts und niemand. Kein Ereignis, keine Tat, kein Fehler, kein Scheitern, keine Sünde, kein Mensch, keine irdische Macht, kein Engel, kein Satan. Nur Gott selber kann es, aber er tut es nicht, weil sein Ja zu uns unbefristet und bedingungslos ist.

Wenn wir von Gottes Hand reden, stellen wir uns unwillkürlich eine menschliche Hand vor. Gott hat keine Hand, Hände haben nur wir. Die Hand Gottes ist für uns ein Bild, eine menschliche Vorstellung. In Gottes Hand sein bedeutet mit anderen bildhaften Umschreibungen: umgeben sein von Gott, gehalten und getragen sein von Gott, in Gott sein, geborgen sein in Gott, beheimatet sein in Gott, beschützt sein von Gott.

Unser Denken und Reden von Gott ist immer nur möglich mit unseren begrenzten menschlichen Begriffen, bildhaften Vergleichen und Vorstellungen. Wir brauchen Begriffe, Bilder, Gleichnisse und Vorstellungen, aber sie sind nicht geeignet und nicht imstande, die Wirklichkeit Gottes zu erfassen. Gottes Wirklichkeit übersteigt unsere Begriffe, bildhaften Ausdrücke und Vorstellungen unendlich. Das müssen wir uns immer bewusst machen, wenn wir von Gott und über Gott sprechen. Gott ist der ganz Andere. Er ist für uns unerforschlich und unfassbar. Wenn wir eine Aussage über Gott treffen, müssen wir immer mitdenken, dass Gott in Wahrheit ganz anders ist. Wenn es uns einmal geschenkt wird, Gottes wahres Wesen zu schauen und zu erfassen, dann werden wir staunen, staunen, staunen, und aus dem Staunen nicht herauskommen, wie unendlich anders Gott ist.

„Niemand vermag uns aus der Hand Gottes zu reißen.” Auf dieser sicheren Grundlage ist es gut möglich, unsere Lebensaufgaben anzugehen. Die größte Lebensaufgabe, die uns Gott mitgibt ins Leben, ist: das Leben lernen. Und dazu ist Gott Mensch geworden, für uns der Lehrer und der Anführer des Lebens zu sein.

Jesus folgen, Jesus nachfolgen, hinter Jesus hergehen, Jesu Jüngerin und Jünger sein heißt bei Jesus in die Schule gehen, Jesu Schülerin und Schüler sein. Wer bei Jesus in die Schule geht, lernt das Leben zielführend. Er ist der Lehrer des wahren Lebens, der Lehrer der Fülle des Lebens. So wie der Hirt seinen Schafen vorangeht und sie am Morgen zielsicher auf gute Weide führt und am Abend zielsicher in den Pferch heimbringt, so lehrt uns der Lehrer Jesus mit absoluter Sicherheit den Weg zur Fülle des Lebens.

Zum Leben lernen schenkt Gott uns Zeit. Nicht nur die Lebenszeit auf dieser Welt, sondern auch darüber hinaus. Leben lernen ist ein Lernprozess mit vielen Fehlern und Irrtümern. Fehler machen gehört zum Lernen dazu. Um diese größte Lebensaufgabe kommt keiner herum. So lange müssen wir lernen - Lektion für Lektion, bis wir das Leben gelernt haben. Was ist das Fegefeuer nach unserem Sterben anderes als ein weiterer Lern- und Reifungsprozess?! Erst wenn wir alle Lektionen des Lebens gelernt haben, sind wir am Ziel.

Erlösung ist Gabe und Aufgabe. Sie bedeutet wahrlich nicht, die Hände untätig in den Schoß zu legen und sich gemütlich und bequem gehen zu lassen. Erlösung bedeutet auf der festen Grundlage, dass wir niemals aus Gottes Hand fallen, unsere Lebensaufgabe zu erfüllen, nämlich das Leben zu lernen.