REICH GOTTES Lernen

4. Fastensonntag B

Interview mit Jesus zum Johannesevangelium 3, 14–21

Thema: Das Gesicht der Liebe

Jesus, du bist unser innerer Lehrer. Du sprichst zu uns. Dein Geist, der in uns wohnt, führt uns zum Verstehen deiner Freudenbotschaft. Wir öffnen dir unseren Verstand und unsere Sinne und wenden uns nach innen zum Grund unserer Seele, um dich dort zu erfahren.

Jesus:

Von meinen Eltern und meiner jüdischen Umgebung wurde ich von klein auf zur jüdischen Religion geführt. In meiner Kindheit und Jugendzeit habe ich die Überzeugung angenommen, dass Gott mit unserem Volk Israel einen ewigen Bund geschlossen hat. Er hat uns versprochen, treu zu diesem Bund zu stehen und uns seine liebende Nähe und seine bejahende Zuwendung zu schenken, vorausgesetzt dass auch wir ihm die Treue halten. Er hat uns durch unseren Vorfahren Mose ein Gesetz gegeben. Streng überwacht und fordert der Gott unserer jüdischen Religion von uns die konsequente Einhaltung seines Gesetzes. Wer es nicht befolgt, zieht seinen Zorn und seine Strafe auf sich. So habe ich es gelernt.

Dann kam die Zeit, in der ich mich als junger erwachsener Mann zurückzog in die Stille und das karge Leben in der Wüste. Das war für mich die Zeit meiner Selbstfindung und meiner Selbsterkenntnis, eine Zeit vieler Fragen und Zweifel, eine Zeit des gründlichen Nachdenkens und des Hineinhorchens in mein Herz, eine Zeit des Wachsens und Reifens und eine Zeit wichtiger und richtungsweisender Lebensentscheidungen.

Da habe ich mich auch lange eingehend und tief mit dem Gottesbild meiner jüdischen Herkunft beschäftigt. Wie so vieles andere hat sich damals auch mein Gottesbild gewandelt. Ich habe Gott erkannt als unendlich und grenzenlos liebenden Vater. Um meine innige Beziehung zu ihm auszudrücken, habe ich ihn von nun an für immer mit einem Kosenamen meiner aramäischen Muttersprache angesprochen, mit Abba, das heißt Vati, Papa, lieber Vati.

Abba - dieses Wort sagt: Er ist nur Liebe, reine Liebe. Er ist Mutterliebe und Vaterliebe in Vollendung. Er schenkt uns seine Liebe voraussetzungslos und knüpft sie nicht an Bedingungen. Er klagt uns nicht an, sondern nimmt uns an, wie wir sind, mit allem, was zu uns gehört, mit allem, was wir sind, mit den hellen und dunklen Seiten. Er richtet und verurteilt nicht, sondern heilt uns. Er treibt nicht in die Enge, sondern führt uns aus der Enge in die Weite. Er drückt nicht nieder, sondern hebt uns empor. Er macht nicht Angst, sondern nimmt die Angst von uns. Keine Angst ist in seiner Liebe. In unseren Ängsten dürfen wir uns immer bei ihm bergen und uns vertrauensvoll in seine Hände fallen lassen.

Vor vielen, vielen Jahren hat Mose unsere jüdischen Vorfahren aus der Versklavung in Ägypten herausgeführt. Jahrzehnte musste unser Volk damals in der Wüste verbringen, bis es wieder heimkommen konnte in unser Land Israel. In diesen Jahren haben die Menschen sich mehrmals von Gott abgewandt. Damit haben sie seinen Zorn und seine Strafe herausgefordert. So haben es die Menschen damals geglaubt. Unsere alten heiligen Schriften erzählen, dass Gott einmal als Strafe viele Menschen durch Bisse von Giftschlangen umkommen ließ. Mose dachte, er müsste und könnte Gottes Zorn besänftigen und seine Strafe abwenden. Dazu ließ er eine bronzene Schlange auf einer Stange aufstellen und sagte den Leuten: Wer auf diese Schlange schaut, wird von Schlangenbissen verschont.

Dieses Bild überträgt der Verfasser des Johannesevangeliums auf mich. Nicht um für die Sünden der Welt zu sühnen, nicht um Gottes Zorn und Strafe von der Welt abzuwenden, ist Gott durch mich Mensch geworden, sondern um durch mich allen Menschen zu allen Zeiten sein Gesicht seiner bedingungs- und voraussetzungslosen, seiner unendlichen und grenzenlosen Liebe zu zeigen. Wer auf mich schaut, sieht das Gesicht der vollkommenen Gottesliebe, die sich schenkt bis zum Äußersten.