REICH GOTTES Lernen

2. Adventssonntag C

Gedanken zum Lukasevangelium 3, 1–6

Thema: Gottes Heil für alle

Ein Vater hat zehn Kinder. Oft beteuert er, dass ihm jedes seiner Kinder kostbarer sei als alle Schätze der Welt und teurer als sein eigenes Leben. Irgendwann tun zwei seiner Kinder etwas, das ihm ganz und gar missfällt und das die Menschen böse nennen. Da entzieht der Vater diesen zwei Kindern seine Zuwendung, er verstößt sie und stürzt sie ins Unheil. Wie passt das zusammen? Alle seine Kinder sind dem Vater ans Herz gewachsen. Das verspricht er ihnen hoch und heilig. Und nun verbannt er zwei von ihnen aus seinem Herzen. Das geht nicht zusammen. Das lässt sich nicht vereinbaren. Nie und nimmer.

Das Bild von diesem Vater wurde und wird von Menschen immer wieder auf Gott gespiegelt. Einerseits sagen sie, dass Gott allen Menschen seine unendliche Gnade schenkt. Andererseits glauben sie, dass derselbe Gott Menschen aus seiner Gnade ausschließt und ihnen das Heil verwehrt. Was für ein Widerspruch!

Ganz anderes lesen wir im Evangelium dieses Sonntags: „Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.” Die Übersetzung des Originaltextes heißt: „Sehen wird jedes Fleisch das Heil Gottes.”

Mit „Fleisch” ist nicht nur der Mensch gemeint, sondern jedes Geschöpf.

„Heil” bedeutet im biblischen Sinn uneingeschränktes Glück, ganzheitliche, umfassende Gesundheit, vollkommene Heilung, Rettung, Erlösung.

„Sehen wird jedes Fleisch das Heil Gottes.” JEDES. Gott hat kein Problem damit, jedem die Fülle des Lebens zuzuteilen. Nur uns Menschen mit unserem Lohn-Strafe-Schema und mit unserem Vergeltungs-und Rachedenken fällt es oft so schwer, daran zu glauben, dass Gott seine bedingungslos bejahende Zuwendung allen gibt.

Der Theologe Karl Rahner sagte in einem Gespräch: „Wenn ich für mich die Gnade und die Vergebung Gottes erhoffe, dann habe ich auch das Recht und die Pflicht, dasselbe für jeden Menschen zu hoffen. Ich brauche als Christ also nicht die Position einzunehmen, es sei sicher, dass viele Menschen verdammt seien, und nur für mich hätte ich das Recht, etwas Besseres nämlich die Erlösung zu erhoffen.”

Für Gott gibt es nämlich keine Guten und Bösen, keine Freunde und Feinde, keine Bevorzugten und Benachteiligten, keine Vorzugsschüler und Sitzenbleiber, keine Belohnten und Bestraften, keine Gewürdigten und Entehrten, keine Lieblinge und Zurückgesetzten, keine Sympathischen und Unsympathischen, keine Gauner und Verbrecher, keine Unmenschen und Ungeheuer, keine Scheusale und Bestien, keine Verstoßenen und Verdammten. Diese Einteilungen und Unterscheidungen treffen nur Menschen und spiegeln sie auf Gott.

„Sehen wird jedes Fleisch das Heil Gottes.” Alle Geschöpfe werden – über manche Umwege und Irrwege, durch viele Lern- und Reifungsprozesse – ans Ziel ihrer Sehnsucht nach grenzenlosem Glück kommen, weil Gott alle an sich zieht.

Um welches Ziel handelt es sich denn? Das Ziel heißt: Es fehlt mir nichts mehr zu meiner Ganzheit. Ich spalte nichts mehr von mir ab. Ich bin endgültig befreit von allem, was mich nicht leben lässt, was mein Leben einengt und meine Glückseligkeit behindert. Ich bin ganz eins mit Gott, ganz eins mit mir selber und ganz eins mit allen meinen Mitgeschöpfen. Es gibt nichts Trennendes, keine Entfremdung und keine Entzweiung mehr. Ich bin angekommen. Ich bin heimgekommen. Ich bin im Reich Gottes.