REICH GOTTES Lernen

27. Sonntag im Jahreskreis A

Gedanken zum Matthäusevangelium 21, 33-46

Thema: Barmherzigkeitsreligion gegen Gesetzesreligion

Ein Elternpaar gibt sich viel Mühe, ihren Sohn zu einem guten, tüchtigen Menschen zu erziehen. Der Sohn entwickelt sich aber nicht nach den Vorstellungen seiner Eltern. Immer wieder reden ihm Mutter und Vater gut zu und machen ihm deutlich, dass der Weg, den er einschlägt, ihn ins Verderben stürzen wird. Aber der Sohn hört nicht auf sie und geht seinen Weg unbelehrbar und uneinsichtig weiter. Irgendwann ist die Geduld der Eltern am Ende und sie setzen ihrem Sohn noch eine allerletzte Frist, sein Leben zu ändern. Als er auch diese nicht nützt, da reicht es ihnen für alle Mal. Sie sagen ihrem Sohn: „Wir haben uns alle Mühe gegeben, dir einen guten Weg ins Leben zu zeigen. Aber du hast nicht auf uns gehört. Nun ist unsere Geduld zu Ende. Du hast unsere Liebe verspielt. Du bist nicht mehr unser Sohn. Die Tür nach Hause bleibt dir für immer verschlossen. Das ist gerecht. Du hast nichts anderes verdient.”

Auch ein anderes Elternpaar gibt sich viel Mühe, ihren Sohn zu einem guten, tüchtigen Menschen zu erziehen. Auch dieser Sohn entwickelt sich nicht nach den Vorstellungen seiner Eltern. Sie lassen ihn seinen Weg gehen. Aber sie geben ihn niemals auf. Sie verlieren nicht die Geduld mit ihm und schenken ihm für alle Zeit ihre Elternliebe. Er ist für sie nie ein hoffnungsloser Fall. Sie leben im Vertrauen, dass ihr Sohn eines Tages die rechten Wege lernen und gehen wird.

Das zweite Elternpaar spiegelt Gott wider, den Jesus seinen Abba nennt, dessen Geduld und Güte ohne Grenzen sind.

Von Jesus stammen keine negativen Bilder von Gott, der ähnlich wie das erste Elternpaar im obigen Beispiel den Menschen Fristen für ihre Lebensänderung setzt, der von Zeit zu Zeit seine Geduld verliert und dann straft und mit dem Ausschluss aus seinem Reich droht.

Dennoch sind negative Vorstellungen von Gott an manchen Stellen in die Evangelien eingeflossen. Das hängt wohl damit zusammen, dass Menschen schwer begreifen können, dass Gott voll unendlicher Güte und Geduld ist.

Die Gleichniserzählung in diesem Evangelium ist ein Beispiel dafür. Es handelt sich um eine Drohrede über das Volk Israel und seine damaligen religiösen Führer. Dieses Gleichnis wird vom Matthäus-, Markus-, und Lukasevangelium jeweils in sehr unterschiedlicher Fassung überliefert. Das ist ein Hinweis, dass das ursprüngliche Gleichnis Jesu und sein ursprünglicher Sinn von Christen der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts mehrfach verändert und umgedeutet worden ist. Es ist überhaupt fraglich, ob dieses Gleichnis auf Jesus zurückgeht. In den Jahrzehnten, als die Evangelien verfasst wurden, kam es zum endgültigen Bruch der jungen Christenheit mit dem religiösen Judentum mit heftigen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Polemiken. Diese haben verschiedene Textabschnitte in den Evangelien mitgeprägt.

Wir gehen davon aus, dass Jesus das Volk Israel und seine damalige religiöse Obrigkeit niemals angegriffen, sondern bis zuletzt mit Güte und Warmherzigkeit versucht hat, sie von seinem Abba-Gott zu überzeugen.

Fakt ist, dass Jesus von der jüdischen Führung angefeindet und zum Tod verurteilt wurde. Die Ursache dafür liegt auf der Hand. Zwei grundverschiedene Gottesvorstellungen sind aufeinandergeprallt: Auf der einen Seite Barmherzigkeitsreligion mit dem Abba-Gott Jesu, der sich und sein Heil den Menschen voraussetzungslos und bedingungslos schenkt, aus reiner Gnade, nicht aus Verdienst, der den Menschen mit grenzenloser Geduld und Warmherzigkeit begegnet, und von dessen Güte und bejahender Zuwendung die Menschen nichts trennen kann. Auf der anderen Seite Gesetzesreligion mit dem Gott, der den Menschen zahlreiche Gesetze erlässt, auf der genauen Einhaltung der Gesetze beharrt und schließlich als Richter ihnen vergilt, was sie verdient haben, denen, welche die Gesetze befolgt haben, mit Lohn, denen, welche die Gesetze missachtet haben, mit Strafe.