REICH GOTTES Lernen

20. Sonntag im Jahreskreis A

Gedanken zum Matthäusevangelium 15, 21-28

Thema: Platz für alle

Menschen teilen Menschen gerne in Klassen, Schichten, Ränge, Kasten und Stände ein. Unter Menschen gibt es Eliten, Auserwählte, Aristokraten, Bessere, die oberen Zehntausend, die Hierarchie, die High Society, Sonderklassen, Berufene, Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Diese Einteilungen übertragen (projizieren) Menschen vom weltlichen auf den göttlichen Bereich. Sie glauben: Was in der Welt gilt, gilt auch bei Gott.

Ein großer Teil der Christinnen und Christen des 1. Jahrhunderts gehörten vor ihrem Übertritt zum Christentum der jüdischen Religion an und waren von ihr geprägt. Das trifft auch auf den Verfasser des Matthäusevangeliums zu. Er richtete zudem seine Evangelienschrift an Menschen, die ehemals in der jüdischen Religion beheimatet waren. Von daher kommt es, dass er viele Auffassungen des religiösen Judentums in sein Evangelium aufgenommen hat.

Lange waren die religiösen Juden der Überzeugung, das Volk Israel sei Gottes auserwähltes, geliebtes Volk, dem einzig allein er sein Heil schenken werde. Wer nicht zum Volk Israel gehörte, wurde als Gottesfeind betrachtet und galt als ein von Gott verstoßener Heide.

Diese Überzeugung tritt auch in diesem Evangelium hervor. Dass Jesus ebenfalls in dieser Überzeugung gelebt hat, erscheint uns eher als unwahrscheinlich. Er hat bald begonnen, sich von der Religion abzusetzen, in der er als Jude aufgewachsen ist. Fakt ist, dass Jesus einer nichtjüdischen Ausländerin auf das tiefe Vertrauen ihrer Mutter hin Heilung schenkt und damit die jüdische Überzeugung durchbricht, das Heil Gottes stehe nur den Menschen im Volk Israel zu.

Jesus zeigt damit, dass sich Gott von Menschen oder Menschengruppen nicht vereinnahmen lässt. In seinem Reich gibt es keine Klassen, Schichten und Rangordnungen, kein Oben und Unten. Gott ist Vater aller Menschen und Geschöpfe. Alle Geschöpfe sind seine Kinder. Allen begegnet er mit gleicher grenzenlos bejahender Zuwendung und Hingabe. Keines seiner Geschöpfe bevorzugt er, keines setzt er zurück, keines benachteiligt er, keines schließt er aus. Gott macht keinen Unterschied zwischen Rassen, Hautfarben, Religionen und Kulturen. Er kennt kein Ansehen der Person. Allen Menschen schenkt er das Heil der Vollendung.

Im Reich Gottes ist Platz für alle. Das Stiefmütterchen in der folgenden Geschichte weiß es.

Unter Blumen kommt es zu einem Streitgespräch. Selbstbewusst steht die Sonnenblume auf ihrem Stängel und sagt: „So groß und stark wie ich ist keine von euch.” Darauf antwortet die Rose: „Aber keine duftet so gut und ist so schön wie ich.” „Pfh”, sagt da die Gladiole, „wie könnt ihr beide nur so reden. Was heißt hier Größe und Duft? Keine von euch hat so schöne Blüten wie ich.” Das Stiefmütterchen, das Gänseblümchen und das Vergissmeinnicht werden immer kleiner, als sie die anderen so reden hören. Da tröstet das Gänseblümchen das Vergissmeinnicht und sagt: „Zum Glück werden wir von vielen Menschen sehr geliebt.” „Ja, da hast du recht”, sagt das Vergissmeinnicht, „nicht umsonst nennen sie mich Vergissmeinnicht.” Da spricht das Stiefmütterchen: „Wie könnt ihr nur so reden! Wie könnt ihr euch nur messen nach Größe und Stärke, nach Duft, Farbenpracht und Beliebtheit. Habt ihr vergessen: ob groß oder klein, ob stark oder schwach, jeder von uns gibt der Schöpfer ihr eigenes Kleid, in seinen Augen sind wir alle schön und gleich viel wert. Jeder von uns schenkt er in gleichem Maß das Licht und die Wärme der Sonne. Jede von uns tränkt er in gleichem Maß mit Regen. In Gottes Garten ist für alle Platz.”