REICH GOTTES Lernen

10. Sonntag im Jahreskreis C

Gedanken zum Lukasevangelium 7, 11–17

Thema: Steh auf

„Schön für den jungen Mann, der ins Leben zurückgeholt wurde”, mag mancher denken, „und schön für seine Mutter, die ihren Sohn lebend zurückbekommen hat. Warum aber wurde das nur diesen beiden zuteil? Was war und ist mit den unzähligen Müttern, die mit unsagbarer Trauer und unbeschreiblichem Schmerz an den Gräbern ihrer Kinder standen und stehen, und deren Flehen an Gott, er möge auch ihnen ihr Kind zurückgeben, unerhört blieb und bleibt? Berührte und berührt Gott ihr Weinen, Klagen und Bitten nicht?” Eine begreifliche, nachvollziehbare Frage.

Die Evangelien sind keine Schriften für an Geschichte Interessierte. Es geht daher in der Erzählung von der Erweckung des jungen Mannes nicht um einen historischen Bericht über ein einmaliges Ereignis. Die Evangelien sind Freudenbotschaft, Hoffnungsbotschaft und Heilsbotschaft für die Menschen zu allen Zeiten. Welche Frohbotschaft enthält für uns diese Erzählung, die uns nur das Lukasevangelium überliefert? Was ist uns damit gesagt? Was können wir daraus lernen? Welche Konsequenzen können wir für uns davon ableiten?

Jesus und die biblischen Schriftsteller sind Orientalen. Sie denken ganzheitlich und in Bildern. Für sie bedeutet Tot sein nicht nur das biologische Lebensende, sondern im übertragenen Sinn die vielen Formen des Todes zu Lebzeiten, das lebend Tot sein, das lebend wie in einem Grab sein.

Jesus sagt zu dem jungen Mann: Steh auf! Auch dieses Wort ist ganzheitlich zu verstehen und richtet sich an jeden Menschen.

Steh auf! Du hast die Kraft dazu. Wähle das Leben! Lerne herauszusteigen aus den „Gräbern”, die du dir selber geschaufelt hast und andere dir gegraben haben. Deine Gräber sind alles, was dein Leben lähmt und blockiert, was dein Leben verdunkelt, einengt und beklemmt, was dich einsam, gefühllos und gleichgültig macht, was dich innerlich erfrieren lässt, was dir Ausblick und Orientierung, Hoffnung und Zuversicht nimmt.

Steh auf! Du kannst es. Wähle das Leben! Lerne die „Gefängnisse” zu verlassen, in die du dich selbst eingesperrt hast und andere dich eingeschlossen haben. Deine Gefängnisse sind die Normen, Zwänge und Kontrollen, alles, was dich unfrei macht, selbst zu sein, selbst zu denken, selbst zu handeln, eigene Entscheidungen zu treffen. Dein Gefängnis bedeutet, nicht selbst zu leben, sondern von außen gelebt und gelenkt zu werden, hörig und fremdbestimmt zu sein, wie eine Marionette am Schnürchen gegängelt zu werden. Gefängnisse sind alle deine Abhängigkeiten, das heißt, wenn du die Kontrolle über dich verlierst, wenn du nicht Herr deiner selbst bist.

Steh auf! Du bist dazu imstande. Wähle das Leben! Lerne den „Ballast” abzuwerfen, den du dir aufgeladen hast und dir von anderen hast aufpacken lassen! Ballast ist alles Überflüssige, was du nicht brauchst, was dich zu Boden drückt, was dein Leben unnötig schwer macht.

Steh auf! Du schaffst es. Wähle das Leben! Lerne die „Mauern” abzutragen, die du zu dir selber und zu anderen errichtet hast. Mauern sind alles, was dich hindert, zu dir selbst und zu anderen zu kommen.

Steh auf! Du bist dazu in der Lage. Wähle das Leben! Lerne dich von den Selbstvorwürfen und Selbstverurteilungen durch deinen „inneren Richter” und von den Anklagen und Schuldsprüchen durch andere abzuwenden. Sie verlangen von dir frei von Fehlern und perfekt zu sein. Lerne dich gern zu haben, so wie du bist, dich mit deiner Unvollkommenheit zu befreunden, auch deine dunklen Seiten anzunehmen und zu bejahen und hinter ihnen verborgene Schätze zu entdecken.

Aufstehen, sich aufrichten, das Leben wählen, zur Lebensfülle gelangen ist keine Angelegenheit für einen Sonntagsspaziergang, sondern ein Lern- und Reifungsprozess ein Leben lang und über dieses Leben hinaus. Gott gibt dir die Zeit dazu.